Künstliche Intelligenz
KI-Fatigue in der PR: Wie die eigene Sprachhoheit proaktiv gesichert werden kann
Starke Texte leben von Haltung, Tiefe und der Fähigkeit, komplexe Sachverhalte in eine mitreißende Story einzubinden. Genau hier entscheidet sich, ob eine Botschaft im Gedächtnis bleibt oder sofort wieder verpufft. In der PR ist Künstliche Intelligenz längst fester Bestandteil bei der Erstellung unterschiedlichster Textformate. Ob Recherche, Strukturierung oder komplette erste Ausformulierung, Algorithmen schreiben fast immer mit. Doch je reibungsloser die Software fertige Satzbausteine liefert, desto leiser wird der eigene sprachliche Ton.
Vom Autor zum Korrektor
Die Ursache dafür ist selten eine prinzipielle Abneigung gegenüber der Technologie. Niemand wünscht sich die Zeiten zurück, in denen das Auswerten umfangreicher Studien enorme Zeitressourcen verschlang. Das eigentliche Problem liegt im eigenen Denken. Wer den ersten Entwurf dauerhaft an Algorithmen abgibt, verändert schleichend seine Arbeitsweise. Wir formulieren nicht mehr selbst, sondern bewerten nur noch synthetische Vorschläge. So tauschen wir die Rolle des gestalterischen Autors gegen die des prüfenden Lektors. Aus dem eigentlichen Schreiben wird ein permanentes Korrigieren, also ein zäher Prozess, den wir als Prompt Fatigue bezeichnen. Sie beschreibt das leise Verblassen der eigenen sprachlichen Feinmotorik.
Kognitiver Muskelschwund und mathematischer Durchschnitt
Gedanken präzise auf den Punkt zu bringen, folgt den Gesetzen eines Muskels. Wird dieser nicht gefordert, verkümmert er. Sprachmodelle berechnen lediglich mathematische Wahrscheinlichkeiten und spucken den statistischen Durchschnitt dessen aus, was bereits im Netz steht. In der PR ist dieser weichgespülte Einheitsbrei der größte Feind von Aufmerksamkeit. Wer echte Innovationen erklären oder Haltung zeigen will, geht im braven Konsens der KI-Sprache unter. Redaktionen und Entscheider merken das sofort, denn sie spüren das Fehlen menschlicher Autorenschaft.
Effizienzfalle im Dialog mit der Eingabemaske
Hinzu kommt ein Missverständnis beim Thema Zeitersparnis. Wer versucht, einem emotionslosen System über immer neue Prompts Haltung, Witz und den passenden Agenturton beizubringen, verbringt oft mehr Zeit im Dialog mit der Eingabemaske als am eigentlichen Text. Das permanente Nachbessern frisst genau jene Energie auf, die eigentlich in die strategische Ausrichtung fließen sollte. Am Ende erzeugt der Versuch, reine KI-Entwürfe manuell aufzupolieren, mehr Aufwand als Nutzen.
Klare Arbeitsteilung statt analoger Nostalgie
Der Weg aus dieser Falle führt nicht zurück in die Steinzeit, sondern zu einer klaren Arbeitsteilung. Die KI bleibt ein hervorragender Assistent für Recherche, Datenaggregation oder das finale Lektorat. Doch Dramaturgie, Sprachrhythmus, Nuancen und der Mut zur klaren Kante bleiben Handarbeit. Überlassen wir der KI das Verarbeiten von Daten und Fakten, denn die Hoheit über das Wort gehört in Menschenhand.
Das „Brain-First“-Prinzip vor der ersten Zeile
Die wichtigste Weichenstellung erfolgt vor dem ersten geschriebenen Satz. Wer eine anspruchsvolle Botschaft erarbeitet, tut gut daran, das Prompt-Fenster vorerst geschlossen zu lassen. Das Entwickeln der Kernthese, das Finden einer überraschenden Dramaturgie und das Festlegen des Tons verlangen eigene Gedankenschärfe. Das gedankliche Fundament sowie der erste Entwurf sollten deshalb überwiegend selbstständig entstehen. Erst danach lohnt es sich, ein Sprachmodell als Sparringspartner hinzuzuziehen, um Argumente zu testen oder blinde Flecken aufzudecken.
Scharfe Rollentrennung im Redaktionsalltag
Ebenso wichtig ist die strikte Aufgabenteilung im Alltag. Künstliche Intelligenz entfaltet ihren Nutzen als Fleißarbeiter, der unstrukturierte Daten ordnet oder Dokumente zusammenfasst. Die eigentliche Veredelung, nämlich das Ausformulieren von Nuancen, das Setzen treffender Metaphern und das Feilen am Satzbau, bleibt Handarbeit. Sobald mehr Zeit mit dem Umformulieren steifer KI-Vorschläge verloren geht als der Denkprozess beansprucht hätte, sollte der Dialog mit dem System abgebrochen werden. Selbst schreiben spart hier oft Zeit und schont die Nerven.
Nachwuchsförderung: Sprachgefühl „on the job“ sichern
Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Ausbildung junger Mitarbeitender. Wer seine Karriere in einer Arbeitswelt beginnt, in der Textentwürfe fast auf Knopfdruck entstehen, läuft Gefahr, die handwerkliche Basis des Schreibens nie fundiert „on the job“ zu erlernen. Fehlt das Fundament aus eigenen Formulierungsversuchen, Fehlschlägen und stilistischer Selbstkorrektur, kann sich kein Gespür für Rhythmus, Ton und Pointierung entwickeln. Führende Kommunikatoren und Mentoren müssen hier aktiv gegensteuern und den Nachwuchs regelmäßig auf den rechten Weg führen. Das bedeutet, ganz bewusst schreibtechnische Trockenübungen einzufordern, Feedback auf menschlich verfasste Erstentwürfe zu geben und zu vermitteln, dass KI ein Verstärker für vorhandenes Können, aber niemals ein Ersatz für echtes Sprachhandwerk darstellt. Nur so bleibt die Fähigkeit, hochklassige und gleichzeitig mitreißende Texte zu verfassen, für die Zukunft erhalten.
Regelmäßiges Schreibtraining ohne Hilfsmittel
Um dem sprachlichen Gewöhnungseffekt vorzubeugen, helfen zudem Trainingseinheiten ohne digitale Unterstützung. Wer nur synthetische Sätze korrigiert, verliert das Gefühl für den eigenen Stil. Es empfiehlt sich daher, regelmäßig Phasen des freien Schreibens einzubauen. Man nimmt sich zehn Minuten Zeit und bringt einen komplexen Sachverhalt ohne Hilfsmittel auf den Punkt. Das Aushalten der leeren Seite schärft den Ausdruck und stärkt das Vertrauen in die eigene Kreativität.
Mut zu klarer Kante und individueller Autorenschaft
Erfolgreiche Kommunikation lebt von Mut und Haltung. Mathematische Sprachmodelle liefern naturgemäß den geglätteten Durchschnitt. Echten Mehrwert für Medien und Zielgruppen schafft man nur, wenn man bereit ist, aus der Reihe zu tanzen, einen Standpunkt zu formulieren und eine individuelle Note einzubringen.
Fazit zur Zukunft menschlicher Wortgewandtheit
Künstliche Intelligenz nimmt Vorarbeit ab und schafft Freiräume. Die entscheidende Frage ist jedoch, wofür wir diese Zeit nutzen: Lässt man das eigene Handwerk schleichend verkümmern oder nutzt man den Freiraum, um tiefer zu denken und mit Persönlichkeit zu überzeugen? Die Zukunft der PR gehört jenen Kommunikatoren, die Algorithmen geschickt für sich arbeiten lassen, die Hoheit über das eigentliche Wort aber niemals abgeben.
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Über Joachim Dreher
Achim ist diplomierter Politikwissenschaftler, dem die Begeisterung für Sprache und Texte von seiner kabarettistisch und schriftstellerisch tätigen Mutter bereits in die Wiege gelegt wurde. Seit 2018 ist er bei Berkeley Kommunikation – der deutschen Niederlassung der Berkeley Communications Group für die DACH-Region – in München tätig. Nach einigen Jahren als Account Manager, hat er sich seit 2022 ganz der Konzeption und Erstellung hochwertiger Inhalte verschrieben. Als Senior Content Manager verfasst er seither Schriftstücke in allen erdenklichen Textformaten für eine Vielzahl von Agenturkunden aus den unterschiedlichsten Branchen. Intelligentes Storytelling spielt für ihn dabei stets eine entscheidende Rolle – schließlich müssen Texte nicht nur inhaltlich korrekt sein, sondern vor allen Dingen auch zum Lesen einladen.
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Titelbild erstellt mit ChatGPT