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Tinder-Selbstversuch: Storytelling bringts bei Frauen!


Von Joachim Dreher

Rund 4,7 Millionen zahlende Kunden hat Tinder weltweit mittlerweile. Das geht aus den aktuellen Quartalszahlen der Match Group hervor. Es scheint sich also noch immer zu lohnen, Geld auszugeben, um seine ganz persönliche Jagd nach Mehr-oder-weniger-Liebe zu starten. So weit wollte ich nicht gehen, als ich mich – 45 und schwer verheiratet – aus kindlicher Neugier heraus im kostenfreien Modus angemeldet habe, um – zugegeben um Jahre verspätet – auch endlich mitreden zu können. Denn im Gegensatz zu anderen Anbahnungsplattformen verheißt Tinder ja die ultimative Reduktion auf das Wesentliche – das äußere Erscheinungsbild.

Es besteht zwar die Möglichkeit, sich selbst, seine Wünsche, Sehnsüchte, Vorlieben und Leitlinien zu beschreiben. Doch nur die allerwenigsten machen davon, wie ich schnell bemerken musste, auch tatsächlich Gebrauch. Da ich jedoch in einer PR-Agentur arbeite, die sich insbesondere auf Storytelling spezialisiert hat, war es eine Ehrensache, meine Wenigkeit in Kurzform möglichst spannend und Neugier erweckend vorzustellen. (Ich muss hinzufügen: Man kann seine sexuelle Orientierung nicht eingeben – mein Text sollte Frauen befeuern).

Attraktives Storytelling öffnet Herzen schneller

Meine Story hatte offenbar Erfolg, denn bei nahezu allen Matches bezog man sich auf das von mir über mich Geschriebene. Im Gegensatz zu Männern scheinen die allermeisten Frauen ansprechende Texte tatsächlich zu lesen. Dabei wissen sie wohl (witzig, originell oder vielleicht auch skurril) gesetzte Worte nicht nur offenkundig zu schätzen, sondern beziehen sich beim schriftlichen Erstkontakt auch ganz bewusst auf darin enthaltene Details. Eine gute Geschichte kommt also offensichtlich positiv an.

Dies bestätigte auch eine Studie (WallStreetJournal; hinter Paywall) der University of North Carolina, bei der unter mehreren Hundert Studenten getestet wurde, inwieweit die Fähigkeit, eine gute Geschichte zu erzählen, auf diese attraktiv wirkt. Die Ergebnisse zeigten, dass gutes Storytelling in der Tat Männer in den Augen von Frauen attraktiver macht – auch wenn sie deren Geschichten nur lesen. Der Schluss der Forscher: Frauen fänden ansprechendes Storytelling bei Männern deshalb so attraktiv, weil es einen Hinweis auf deren hohen sozialen Status gebe. Gute Geschichten könnten nur von Menschen erzählt werden, so die Meinung der meisten Befragten, die umfangreiche Erfahrungen vorzuweisen hätten und über ausreichend ökonomische Ressourcen verfügen würden. Doch auch wenn der eigene Kontostand nicht ganz so beeindruckend ausfällt und die gemachten Erfahrungen im Leben eher überschaubar sind, hat ER dennoch, zumindest statistisch, einen Vorteil gegenüber Nebenbuhlern mit weniger erzählerischem Geschick.

Gute Geschichten verheißen Stabilität und Kontinuität

Obwohl Tinder oft nachgesagt wird, in der Hauptsache ein Medium für eher flüchtige Begegnungen zu sein, verweisen Frauen in der zweiten Lebenshälfte auf ihren Profilen sehr häufig auf die Ernsthaftigkeit ihrer Absichten und den eigenen Wunsch nach einer festen Bindung. Deshalb bevorzugen sie unbewusst Männer, die erzählen können. Kandidaten, die lieblos Fakten bei ihnen abladen, sind hingegen weniger gefragt. Die psychologische Erklärung dieses Verhaltens ist durchaus logisch. Gute Erzähler suggerieren, sich leicht und erfolgreich mit anderen Menschen verbinden zu können, eine Beziehung zu diesen herzustellen. Sie seien in Lage, Gefühle offen zu teilen und auch einmal ihre schwache Seite zu zeigen. Aus diesen Eigenschaften folgern Frauen, dass gute Storyteller auch gute Partner und Versorger seien.

Was also im geschäftlichen Leben das Vertrauen stärkt, von der Konkurrenz abhebt und das eigene Projekt zur Marke macht, funktioniert offenkundig auch im zwischenmenschlichen Bereich. Deshalb gilt auch in Liebesdingen die Devise: Am Anfang steht eine Geschichte. Je besser diese ist, desto erfolgreicher wird der Erzähler sein!

 

Titelbild von Ulrike Mai auf Pixabay ; Grafik von Statista