Studien

Artikulationskiller Smartphone?

Written by Joachim Dreher

12 December 2019

Share

Man könnte auch fragen: „Ist die Entwicklung echt so krass vong 1 Sprache her?“ Insbesondere Smartphones und andere Devices wie Tablets und Spielkonsolen sind als permanente Begleiter im Leben Heranwachsender inzwischen nicht mehr wegzudenken. In der „Kultur des gesenkten Blickes“ scheint die – auf ein kleines Display komprimierte – Parallelwelt wichtiger zu sein als die analoge Wirklichkeit, was die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, angesichts deren digitaler Dauerpräsenz, de facto beeinflusst.

Die Generation Z der ab 1995 geborenen Post-Millenials spielt, lernt, kommuniziert und erinnert sich anders als die Jahrgänge davor. Der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer findet für diese sozialisatorische Zeitenwende seit Jahren die klarsten Worte. Seiner Ansicht nach machen digitale Medien schlichtweg dick, dumm und krank.

Nie allein und dennoch einsam

Forschungsergebnissen der US-Professorin Jean Twenge zufolge befindet sich diese Generation am Rande einer psychischen Krise. In ihrem Essay „Haben Smartphones eine Generation zerstört?“ führt die Wissenschaftlerin erhöhte Selbstmord- und Depressionsraten amerikanischer Teenager auf deren Digitalkonsum zurück. Denn obwohl sie sich vermeintlich rund um die Uhr über Messenger, soziale Plattformen oder andere digitale Wege austauschen, sei dieses Kommunikationsverhalten kein Allheilmittel gegen Einsamkeit. Jugendliche leben, Studien zufolge, heute tatsächlich isolierter, tauschen sich real weniger mit Freunden aus, verlassen insgesamt seltener das Haus und machen später sexuelle Erfahrungen. Die Kommunikation mit anderen findet – so ergab eine Erhebung der Krankenkasse DAK – bei jedem Fünften nahezu ausschließlich über soziale Medien und Messenger statt.

Das Resultat ist eine Verschriftlichung der Sprache – Gestik, Mimik und Intonation fallen weg. Die schriftliche Kommunikation selbst ist inzwischen ebenfalls kürzer und informeller. In Unterhaltungen via Messenger sind Abkürzungen, grammatikalisch unvollständige Sätze, das Ignorieren der Groß- und Kleinschreibung sowie der Verzicht auf Interpunktion heute völlige Normalität geworden. Teilweise haben Ziffern und Zahlenfolgen Endungen oder komplette Worte ersetzt. Sogar die Verwendung von Verben ist heute eher Option als Maßgabe. Dafür ist die Häufigkeit genutzter Anglizismen deutlich gestiegen. Doch wie sollte man diese Entwicklung werten? Handelt es sich dabei um eine Weiterentwicklung der Sprache, wie sie seit langem über viele Generationen hinweg zu verzeichnen war oder müssen wir eine Verarmung innerhalb der Kommunikation befürchten? Die Meinungen gehen hier weit auseinander.

Sprachverarmung oder Evolutionsschritt?

Während die Neuentwicklung der verbalen Ausdrucksform Jugendlicher von Linguisten und Wissenschaftlern zumeist gelassen und positiv als kreative Abgrenzung von den Erwachsenen und als Chance für eine Belebung der Umgangssprache erachtet wird, ist in der Presselandschaft häufig eher von einem Verfall der Sprache die Rede. Viele befürchten, dass die Kinder und Jugendlichen bei deren Benutzung nicht mehr zwischen Privatem und Beruflichem trennen werden können. Doch auch hier sehen Sprachwissenschaftler keine Gefahr. Trotz der veränderten Schreibweise durch Social Media weiß auch die überwiegende Mehrheit junger Menschen, zwischen den zwei Bereichen der Schriftsprache zu unterscheiden. Wobei die Rechtschreibung aktuellen Sprachtrends immer ein wenig hinterher hinkt. Jürgen Spitzmüller, Universitätsprofessor für Angewandte Sprachwissenschaft an der Universität Wien, schließt nicht aus, dass selbst Sätze wie „Hab ich auf meim Handy gesehn“ irgendwann zu der offiziellen Rechtschreibung zählen könnten.

Sprache bleibt auch in der Zukunft primär ein Ausdrucksmittel, um Informationen zu teilen und Gefühle zu vermitteln. Solange Menschen – losgelöst von deren Alter und Sozialisation – verständlich miteinander kommunizieren können, dürfte die Satzbildung kein Problem sein. Denn obwohl sich Sprache ständig weiterentwickelt und neue Stilformen und Begriffe hinzukommen, bleibt die Mehrheit der Menschen doch ihrer korrekten Muttersprache treu – zumindest wenn es eben sein muss.

Bild: Zoran Zonde Stojanovski on Unsplash