Studien & Research

Covid 19 – Kommunikation darf nicht alle über einen Kamm scheren

Written by Heike Hering-Haas

15 June 2020

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In Zeiten, in denen ein kleines Virus unser Leben in beinahe allen Lebensbereichen auf den Kopf stellt, bin ich über einen sehr interessanten Beitrag des Soziologen und Risikoforschers Ortwin Renn, Direktor des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung am IASS Potsdam gestolpert. Er geht der Frage nach, wie Kommunikation in einer solchen gesellschaftlichen Krise gestaltet werden sollte und welche Rolle sie einnimmt.

Dass die Erkenntnisse von Virologen und Epidemiologen unverzichtbar zur Bewältigung der Covid19-Pandemie sind, ist unumstritten. Die getroffenen politischen Maßnahmen basieren größtenteils auf deren Expertenwissen. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Wie wir die Corona-Krise am Ende meistern, hängt laut Renn nämlich entscheidend davon ab ob Politik, Wissenschaft und Wirtschaft passende Kommunikationsformen wählen. Die Berücksichtigung empirisch abgesicherter und evidenzbasierter Erkenntnisse der Verhaltens- und empirischen Kommunikationswissenschaften sind somit die andere Seite der Medaille zur Bewältigung dieser riesigen Herausforderung.

Erkenntnisse aus der Wahrnehmungs- und Verhaltensforschung

Dass Kommunikatoren die Empfänger ihrer Botschaften zielgruppengerecht ansprechen müssen, um erfolgreich zu sein, wissen wir alle – das ist ja schließlich unser täglich Brot. Wir bedienen uns in der Regel soziodemografischer Kriterien, Funktionen oder Interessen der Zielgruppe.

In gesellschaftlichen Krisensituationen funktioniert das nicht. Nach Renn  muss sich Kommunikation in solchen Situationen unter anderem an den typischen Reaktionsformen von Menschen auf Bedrohungslagen orientieren. Eine wie ich finde spannende Beobachtung!

Auch wenn es grob vereinfachend ist, die heterogenen Verhaltensweisen von Menschen in generische Reaktionstypen einzuteilen, so hat es sich laut Renn in der Krisenforschung bewährt, die klassischen drei (anthropologisch vorgegebenen) Reaktionsformen für unterschiedliche Reaktionen auf Bedrohungslagen zu wählen.

 

Wie tickst Du denn – Reaktionsformen auf Bedrohungslagen

Typische Reaktionsformen auf Bedrohungslagen:

Totstell-Muster​
Mir wird schon nichts passieren.
Ich falle unter den vielen Menschen ohnehin nicht auf.
Ich mache weiter mit meinen gewohnten Routinen.

Flucht-Muster​
Ich muss mich von allem fernhalten, was mich bedroht​.
Lieber mehr
Vorsicht als hinterher den Schaden zu haben​.
Im Zweifel bleibe ich lieber zu Hause als etwa neue Lebensmittel einzukaufen.

Kampf-Muster​
Ich muss aktiv gegen das aggressive Virus handeln.
Ich fokussiere auf Ersatzobjekte: vermeintliche Sündenböcke (etwa Chinesen) oder Personen, die die Auflagen nicht ernst genug oder zu ernst nehmen​.

 

Renn betont, dass es wichtig ist in der aktuellen Pandemie-Kommunikation immer VertreterInnen aller drei Muster (zum Teil sogar in einer Person) parallel anzusprechen. Informationen, die für das eine Muster passend sind, sind für die anderen beiden Muster mitunter geradezu kontraproduktiv.

  • Diejenigen, die zum Totstellmuster, also eher zur Verharmlosung des Risikos neigen, kann man am besten dadurch erreichen, dass man (i) entweder an ihren Altruismus appelliert, dass sie damit auch andere schützen, oder aber deutlich macht, (ii) dass auch sie in Zukunft betroffen sein können, wenn das exponentielle Wachstum anhält.
  • Diejenigen, die zum Fluchtmuster neigen, müssen in ihrem Verhalten bestärkt werden. Gleichzeitig ist es wichtig zu verdeutlichen, dass eine zu starke Abkapselung im eigenen Heim andere Risiken verstärkt, wie etwa die Zunahme häuslicher Gewalt, die Dehydrierung, Mangelernährung, Bewegungsmangel oder der Verlust von sozialen Kontakten. Wichtig ist es, dass hier zu Nachbarschaftshilfe, aber auch der Zugang zu IT-basierten Kommunikationskanälen an diese Gruppe ermöglicht und dazu ermutigt wird.
  • Besonders schwierig ist die Kommunikation mit Menschen, die zum Kampfmuster neigen. Sie benötigen Ersatzobjekte oder Ersatzhandlungen, um ihren Tatendrang und zum Teil ihre Aggressionen auszuleben. Hier kann man versuchen, konstruktive und zur Krisenbewältigung sinnhafte Handlungen zu initiieren, etwa freiwillige Einkaufsdienste, Herstellung von einfachen Atemmasken, IT-Beratungen für darin wenig Geübte oder logistische Hilfestellungen.

 

Alle drei Muster gezielt anzusprechen, lässt sich nur schwer in eine allgemeine flächendeckende Krisenkommunikation einbinden. Vielmehr können dafür dezentrale Hotlines durch Kommunen und freiwillige Dienste eingerichtet oder ausgebaut werden, deren Personal für diese Fragestellungen kurzfristig geschult werden muss.

 

Keine leichte Aufgabe wie ich finde…. Und ich muss feststellen, dass ich definitiv ein “Mischlings”-Reaktionstyp bin. Mal locker, mal Vorräte kaufend und Masken hab ich auch schon genäht…

Was noch zu einer gelungenen Kommunikationsstrategie in Zeiten der Pandemie gehört, wie zum Beispiel Vertrauen in die Kommunizierenden und dass die Kommunikation zentral koordiniert wird – am besten mit einem  “Krisen-Gesicht”  können Sie hier im vollständigen Beitrag von Ortwin Renn lesen.

 

Titelbild:  Jeffrey Hamilton on Unsplash