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Facebook, die Alten und die Jungen


Von Joachim Dreher

Facebook, die größte Social Media Plattform der Welt, hat die Jugend verloren – diese These ist alles andere als neu. Bereits 2013 machten die als Pressemeldung veröffentlichten Ergebnisse einer vom Nachrichtenmagazin Focus beauftragten Studie die Runde und wurden von vielen bekannten Medien in nahezu unveränderter Form aufgegriffen. Überschriften wie „Facebook wird zum Social Altersheim“, „Soziale Netzwerke vergreisen“ oder „Altersschnitt in sozialen Netzwerken steigt ständig“, sorgten für Dramatik und suggerierten indirekt, diese Entwicklung sei im Grunde gleichbedeutend mit dem Beginn eines schleichenden Sterbeprozesses des Social Media-Giganten. Eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema und den veröffentlichten Daten fand zur damaligen Zeit jedoch offensichtlich nur sehr vereinzelt statt. Einer der wenigen, der das Ganze seinerzeit kritisch hinterfragte und relativierte, war der Social Media-Berater Christian Kaiser. Zur Bedeutung der Studienergebnisse für Facebook stellte er nach kurzer Betrachtung der Zahlen in seinem Fazit schlicht fest, dass sich das Nutzeralter durch den Reichweitenzuwachs natürlich an den Online-Nutzerdurchschnitt annähere, also altersunabhängiger werde und „somit das Gegenteil dessen, was uns die Überschriften in den meisten Medien zu diesem Thema vermitteln wollten“ der Fall sei.

Kann Social Media vergreisen?

Der Social Media Atlas 2017/2018 der Hamburger Kommunikationsagentur Faktenkontor brachte zu Beginn des vergangenen Jahres die nächste Welle ins Rollen. In einer entsprechenden Pressemitteilung mit dem Titel „Facebook: Seniorenheim unter den Sozialen Medien“ berichtete man erneut über den Nutzerwandel im Freunde-Netzwerk, im Zuge dessen Teenager zunehmend wegbrechen und Oldies immer stärker zulegen. Auch die Ergebnisse dieser Erhebung wurden von vielen Medien Eins-zu-Eins übernommen und digital weiterverbreitet. Doch dieses Mal waren die Stimmen, die sich gegen den Wahrheits- und Informationsgehalt dieser Studie aussprachen, zahlreicher. Isabell Prophet, Autorin und Dozentin für Innovation und Journalismus in Berlin, titelte etwa „Facebook ‚vergreist‘? Warum die These großer Unfug ist“ und erklärte in ihrem Artikel für t3n, weshalb die Faktenkontor-Meldung die Realität schlicht und ergreifend medial verzerre. Auch Dr. Sandra Gärtner, Expertin für Mediaforschung und Beraterin renommierter Kunden aus der Digital- und Medienwirtschaft, thematisierte die Studie auf ihrem Blog Mediaresearch42 in der Rubrik „Fake-Statistik des Monats“ überaus kritisch und kommentierte die Aussage „Facebook vergreist“ mit einem schnöden „Papperlapapp!“ Dabei erklärt sie auf Basis ihrer eigenen Erfahrung im Bereich der Forschungskommunikation, warum die vorliegenden Studienergebnisse sehr einseitig interpretiert wurden und zeigte auf, warum es so wichtig ist, solche Resultate aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

Jüngste Studie zu Facebook und Instagram

Wer hätte es vermutet? Auch im noch jungen Jahr 2019 nimmt das Thema wieder einmal an Fahrt auf  Die Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) hat Mitte Februar eine Studie mit dem Titel „Influencer-Marketing und Strategien digitaler Superstars – was kann man von Kardashian & Co. für den Erfolg im Netz lernen?“ herausgegeben. Hierbei ermittelten die Forscher nach eigener Aussage, dass die Interaktionsrate bei Instagram 20 Mal höher sei als auf Facebook. Zwar wären auf Facebook mit 2,7 Milliarden weltweit zwar immer noch mehr als doppelt so viele Nutzer angemeldet wie auf der Social-Media-Tochter Instagram, doch die meisten dieser Accounts seien digitale Karteileichen, die zwar nicht gelöscht wurden, aber auch keine Posts mehr veröffentlichen oder Likes verteilen.

Auf Instagram liken, kommentieren und teilten die meist jungen User dagegen regelmäßig. Viele der im Rahmen dieser Studie analysierten Stars, denen meist Jüngere folgen, haben viele Hundert Follower mehr auf Instagram – und Facebook deshalb den Rücken gekehrt. Sie posten nur noch rudimentär auf ihren Accounts, falls sie denn noch welche besitzen. Instagram finden sie den Umfragen zufolge attraktiver, weil die junge Generation visueller und schneller ticke. Instagram biete wenig Text, viele große Bilder und schnelle Interaktion wie Kauf-Buttons, die direkt in Shops führten.

Ob diese Studie nun wirklich und abschließend beweist, dass junge Menschen dem Social Platform-Riesen Facebook den digitalen Rücken gekehrt haben, bleibt abzuwarten. Aber auch wenn dem so sein sollte, muss sich der Konzern um die wertvollen Daten der Teenager keine Sorgen machen. Über den Messenger-Dienst WhatsApp und Instagram hat er weiterhin einen nahezu vollständigen Zugriff auf deren sensible Nutzerdaten.

Titelbild: Photo by Daniel Páscoa on Unsplash