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Schreiben für das Internet


Von Patrick Wandschneider

Wäre es nicht schön, wenn man den mühsam erstellten Beitrag für eine Fachzeitschrift auch online verwenden könnte? Warum nicht einfach das informative E-Book für den nächsten Newsletter nutzen? So schön dieser Traum vom universell einsetzbaren Content auch sein mag: Printtexte sind für Online nicht geeignet. Jeder Kanal verlangt nach seiner eigenen Content-Strategie.

Leseverhalten im Internet

Das Leseverhalten im Internet unterscheidet sich nachgewiesenermaßen grundlegend von dem eines Print-Artikels. Der Online-Nutzer „scannt“ einen Text, statt von links nach rechts wird von oben nach unten gelesen. Umfragen zeigen, dass nur 16 Prozent der User einen Text vollständig lesen. 79 Prozent hingegen „scannen“ und „skimmen“ Webtexte. Der Nutzer prüft also, welche Informationen für ihn relevant sind, wobei viele bereits nach dem ersten Satz entscheiden, ob sich ein Weiterlesen lohnt. Das Leseverhalten im Internet wird mit dem sogenannten „F-Schema“ beschrieben: Eye-Tracking-Studien fanden heraus, dass die Augen beim Lesen eines Webtextes einem F-förmigen Muster folgen.

Grafik: F-Pattern nach der Nielsen Norman Group

Diese charakteristische „Heatmap“ entsteht, weil Nutzer zunächst in einer horizontalen Bewegung den oberen Teil des Inhaltsbereichs lesen, um dann ein wenig nach unten zu springen und eine zweite horizontale Bewegung durchführen, ehe die linke Seite des Inhalts in einer vertikalen Bewegung überflogen wird. Ursache hierfür ist die Suche nach potentiell relevanten Textstellen. Unwichtiges wird gnadenlos übersprungen. Am Computer wird schnell und ungeduldig gelesen. Der eben beschriebene Prozess dauert nur etwa 10 Sekunden. Dass auf einem Blatt Papier die letzte Zeile erreicht wird ist also viel wahrscheinlicher, als dass der Leser auf dem Bildschirm bis in die letzte Zeile vordringt. Diese Rahmenbedingungen haben natürlich Auswirkungen auf die Art und Weise, mit der man Online-Texte erstellen sollte.

Das Prinzip der umgekehrten Pyramide

Gute Online-Texte zu schreiben bedeutet im Wesentlichen zwei Dinge: Erstens präzise zu schreiben, und zweitens kürzer sowie schneller auf den Punkt zu formulieren. Jeder Satz sollte eine klare Aussage enthalten. Kein „Schwabbelfett“, sondern schlanke und möglichst konkrete Sätze, im Stil an die gesprochene Sprache angelehnt, sind der Schlüssel zum Erfolg. Beim Textaufbau gilt das Prinzip der umgekehrten Pyramide, das ursprünglich aus dem amerikanischen Journalismus stammt: Die Kerninformationen stehen am Anfang. Der Leser muss an jeder Stelle des Textes stoppen können, ohne wesentliche Fakten zu verpassen.

Grafisches Schreiben

Grafisches Schreiben bedeutet, einen Text visuell zu strukturieren. Zwischenüberschriften, Absätze, Hervorhebungen und Auflistungen machen einen Text übersichtlicher und ermöglichen dem Leser, den Inhalt schnell zu erfassen. 80 Prozent der User lesen übrigens die Überschrift, jedoch nur 20 Prozent interessieren sich dann auch für den eigentlichen Text dahinter. Deshalb sollten Überschriften aussagekräftig sein und relevante Keywords enthalten. Zwischenüberschriften fassen Absätze zusammen, bei denen jeder für sich eine kleine Geschichte ergibt.

Das Ziel dieser Ratschläge ist, es dem Online-Leser möglichst einfach zu machen. Texte für verschiedene Verwendungszwecke zu nutzen ist zwar möglich, aber selten sinnvoll. Mal eben einen Print-Text 1:1 auf die Website hochzuladen führt nur zu Frust. Umschreiben und umstrukturieren ist angesagt. Denn: Einer muss sich plagen, entweder der Schreiber oder der Leser.

Titelbild: Photo by Vidar Nordli-Mathisen on Unsplash