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Leitmedien – gibt‘s die noch?


Von Patrick Wandschneider

Leitmedien verlieren Jahr für Jahr an Strahlkraft. Leitmedien, das sind im ursprünglichen Wortsinn klassische, bundesweite Printmedien wie Bild, FAZ, SZ, Welt, Zeit, sowie Stern und Spiegel. Diese  Medien dienen auch Journalisten-Kollegen als Referenz. So werden Kommentare aufgegriffen, um Themen nach eigener redaktioneller Linie oder Meinung darzustellen. Jedes Jahr werden deshalb Statistiken zu den meistzitierten Medien veröffentlicht. Laut Statista führte 2018 die Bild‑Zeitung dieses Ranking an, gefolgt vom Spiegel. Jetzt allerdings haben Spiegel, Stern, Focus sowie Die Zeit zumindest einen Teil-Ausstieg aus der Auflagenkontrolle IVW zum Ende dieses Jahres verkündet. Was angesichts der generellen Lage eine eigenartige Entscheidung der Verlagshäuser ist.

Alle On- und Offline-Medien kämpfen um Reichweiten, denn davon hängt ab, wie viel Geld sie für Werbung verlangen können. Dafür ist es unrelevant, wie oft ein Medium von Journalisten zitiert wird oder nicht. Vielmehr wird hier um die flüchtige Aufmerksamkeit einer bestimmten Zielgruppe konkurriert. Die Deutschen informieren sich immer mehr bei Online-Nachrichtenmedien. Auch hier führt Bild.de vor Spiegel Online.

It’s the Reichweite, stupid

Geht es um die oft propagierten Reichweiten, so dominieren im Internet jedoch nicht die Nachrichtenseiten. Laut Alexa landen in Deutschland Google, Youtube, Amazon und Facebook auf den vorderen Plätzen [4]. Die Treffer einer Suchanfrage auf Google oder der Facebook Newsfeed dürften die öffentliche Meinung demnach ähnlich oder sogar mehr beeinflussen als die sogenannten Leitmedien. Dass sich User von Facebook und Google tatsächlich beeinflussen lassen, bestätigt eine aktuelle Studie der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien. An einem Durchschnittstag informieren sich demnach rund 12 Prozent der Bevölkerung über Facebook, 24 Prozent nutzen die Suchmaschine Google. Bei den Jüngeren zwischen 14 und 29 Jahren liegt das Intenet in der informierenden Nutzung deutlich vor Fernsehen, Radio oder den Tageszeitungen. Letztere führen nur noch bei den Über-50-Jährigen.

Google kann Wahl beeinflussen

Eine Studie aus den USA zeigt zudem, wie Suchergebnisse die Aufmerksamkeit lenken und somit Einfluss auf die politische Meinungsbildung nehmen können. Ein experimenteller Suchalgorithmus war in der Lage, die Wahlentscheidung unentschiedener Wähler über das Ranking um 20 bis 80 Prozent zu beeinflussen. Das Ranking in einer Suchmaschine hängt normalerweise von zahlreichen Faktoren ab. Von so vielen Faktoren, dass es dafür sogar ein eigenes Berufsfeld gibt – den SEO-Manager. Ein besseres Ranking bedeutet mehr Klicks und mehr Aufmerksamkeit. Über sogenanntes Mikrotargeting ist jedoch möglich, dass User nur maßgeschneiderte Botschaften zu Gesicht bekommen. Diese Welt der vorgefilterten und individualisierten Suchergebnisse nennt man in der Medienwissenschaft „Filterblase”. Zwar existiert auch in Printmedien eine redaktionelle Linie, welche die Präferenzen der eigenen Leserschaft berücksichtigt. Insbesondere in Kommentaren tritt diese Linie offen zu Tage. Im reinen Nachrichtenteil äussert sie sich in der Regel lediglich durch die Auswahl von Themen und Themenaspekten. Von den subtilen Möglichkeiten der Online-Welt können die Printmedien jedenfalls nur träumen. Übrigens zeigt Twitter nach wie vor nur solche Inhalte an, die der Nutzer aktiv abonniert hat – die Frage ist bloß, wie lange noch?

Bildmontagen: meedia